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Vom starken Geschlecht sind Jungs noch weit entfernt

Sonnenrainschule bietet Jungs einen Selbstverteidigungskurs an – Spezielle Pädagogik für Jungen und für Mädchen

Mehr als Mädchen müssen Jungs lernen, Bedürfnisse von sich und von anderen zu erkennen. Raufen hilft im Ernstfall nicht weiter. Foto: Antje Kirsch

Auch Jungs müssen lernen, "nein" zu sagen und sich gegen Übergriffe jeglicher Art, sei es von Fremden oder gar auch Familienmitgliedern, wehren können. Wie, das wurde ihnen von Uwe Herm, psychosozialer Berater aus Karlsruhe, in einem speziell für Jungs ausgerichteten Kurs der Selbstverteidigung vermittelt. Die Jungs der Klassen eins bis vier der Sonnenrainschule in Radolfzell fanden sich dazu im Lollipop zusammen, das seine Räume großzügigerweise dafür zur Verfügung gestellt hat. Gespannt erwarteten sie, was die Mädchen der Schule in ihrem Kurs bereits Ende Juni erfahren hatten.

„Jungs, die eher nicht kämpfen wollen, weil es „nicht ihr Ding ist“, erkennen, dass es Regeln gibt, es kein Turnier ist und man sich im Kampf gegenseitig respektiert.“

Mittlerweile hat sich neben einer speziellen Pädagogik für Mädchen eine solche auch für Jungen entwickelt, die ihren Lebensbedingungen Rechnung trägt. Auch sie werden mit sexuellen Übergriffen oder anderen Gewaltsituationen konfrontiert und müssen es letztendlich genauso erlernen, adäquat dagegen anzugehen. Althergebracht denkt man an das starke Geschlecht, aber das muss "Junge" eben auch erst werden. Anhand von Erlebtem und Durchlittenem oder auch Büchern über das Thema wird über Situationen berichtet, werden sie dargestellt und besprochen. Gerade auch bei gewalttätigen Übergriffen oder sexuellem Missbrauch ist ein körperliches Sich-Wehren eher unrealistisch. Das wird den Jungen versucht zu vermitteln und ihnen das nötige Selbstbewusstsein gegeben, welches es ihnen ermöglicht, sich in diesen Fällen unbedingt Kontaktpersonen zu suchen, die einem in diesem Fall zuhören und helfen können.

In der spezifischen Jungen-Pädagogik, wie Uwe Herm sie vertritt, richtet man das Augenmerk der Jungen zunächst auf die Wahrnehmung, die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse, die Wahrnehmung der Bedürfnisse anderer, auf den Respekt vor den eigenen Grenzen und den Grenzen der Anderen. Jungs sind in diesem Punkt den Mädchen deutlich unterlegen, so Uwe Herm, und spüren oft keine Unterscheidung. Aber auch sie müssen bei anderen Gefühle erkennen, das Zuhören und Zusehen erlernen sowie Signale setzen können.

Der direkte Kampf spielte in diesem Kurs aber trotzdem eine Rolle, wie bei den Mädchen auch. Nicht zuletzt, um auch hier zu lernen, Grenzen ganz direkt zu erkennen und zu spüren. Das Bedürfnis, sich körperlich zu messen ist natürlich da, aber es geschieht hier in einem geschützten Rahmen. Jungs, die eher nicht kämpfen wollen, weil es "nicht ihr Ding ist", erkennen, dass es Regeln gibt, es kein Turnier ist und man sich im Kampf gegenseitig respektiert. Eine Regel ist so zum Beispiel, dass der Kampf beendet ist, wenn der Gegner mit den Schulterblättern eine Sekunde auf dem Boden liegt. Das wurde schnell von allen Kursteilnehmern akzeptiert und anerkannt, ein sinnloses Weitermachen gab es nicht. Und so trauten sich schließlich alle, sozusagen in den Ring zu steigen. Man ist fair zum Gegner, was einem wiederum den Respekt der Anderen einbringt. Man kämpft miteinander und nicht gegeneinander, was einen Grenzen erkennen lässt.

Das Zusammenspiel dieser zu erlernden Dinge im Kurs funktionierte, was man im Abschlusskreis der Kurse unschwer an den Äußerungen erkennen konnte. Die Jungs waren abgekämpft, aber ausgeglichen und zufrieden. "Gibt`s den nochmal?" hörte man nicht selten als letzte Frage an den Kursleiter Uwe Herm.

Informationen zum Kurs:

Uwe Herm, Psychosoziale Beratung, bietet unter anderem Kurse mit dem Thema „Selbstbehauptung für Jungen“ an Grundschulen an. Das ist ein Kurs zur Prävention von Gewalt und sexueller Gewalt. Seit 1998 wird er in vielen Schulen auf Eltern- oder Schulinitiative hin erfolgreich durchgeführt. Sein Angebot darüber hinaus kann man auf seiner Homepage nachlesen oder bei ihm direkt erfragen unter der Telefonnummer 0 72 45/41 42.

http://hometown.aol.de/uwe%20herm/.

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Quelle: Südkurier

12. Oktober 2004,
Artikel und Foto
von Antje Kirsch

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