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Aus Angst mach Wut – Wie Mädchen stark werden

Mädchenpower in der Sonnenrainschule – Training der Selbstverteidigung und Selbstbehauptung für Schülerinnen der dritten und vierten Klassen

Das Training des Kampfes gegen einen imaginären Gegner wechselte sich mit Rollenspielen und Erfahrungsberichten ab

Ein Schrei liegt in der Luft. Aber es ist kein Angstschrei, sondern der Schrei der Verteidigung – Selbstverteidigung/ Selbstbehauptung. Mädchen der dritten und vierten Klassen der Sonnenraingrundschule fanden sich zusammen, um zu lernen, wie man mit Gefahren- und Stresssituationen fertig wird, wie man einem vermeintlichen Angreifer begegnet und wie man allem voran das nötige Selbstbewusstsein erringt. Letzteres ist die Grundlage und der vorrangige Inhalt des Wochenendes und dann natürlich auch der Realität und stand somit im Mittelpunkt des Kurses von Frauen für Frauen oder besser gesagt für Mädchen.

Angefangen wird unter anderem erst einmal damit, dass man Achtung und Respekt gegenüber jedem anderen erlernt, dass man nicht gegeneinander, sondern miteinander trainiert. Die Mädchen sollen zudem begreifen, dass auch sie selber akzeptiert werden in ihrer Umwelt und sich durchsetzen können, wenn sie zum Beispiel auch nur eine Berührung oder Ähnliches nicht möchten. Sie nehmen ihre Gefühle wahr, spüren ihren Raum und sollen dann deutlich ihre Grenzen ziehen, wenn jemand in diesen Raum eindringt. Das passiert durch Erzählungen über Betroffene, tatsächlich geschehene Szenen gewaltsamer Übergriffe, durch Rollenspiele und Diskussionen.

Theorie-Schulung gehört zum Kurs dazu

Die unterschiedlichsten Gründe können zu den verschiedensten Situationen führen. Geschult wird dabei auch die Wahrnehmung, gefährliche Situationen bereits im Vorfeld zu erkennen und dann entsprechend zu handeln. Das stärkt das Selbstvertrauen und das Gefühl der eigenen Sicherheit. Daneben erlernen die Mädchen des Kurses aber auch einen gewissen Teil an Körpersprache, die eindeutige Signale aussenden kann, bis hin zu körperlichen Techniken, um bei Gewalt auch entsprechend härter regieren zu können, womit nicht jeder Angreifer unbedingt rechnet.

Und darin liegt der Vorteil der Mädchen und Frauen, die sich zu wehren verstehen. Nach einer Polizeistudie (Hannover, 1996) konnten 86 Prozent der Frauen und Mädchen gewaltsamen Situationen entrinnen durch lautes Schreien und nur dreimaliges Zuschlagen.

An diesem Punkt kommt der Selbstverteidigungsschrei als wichtigste Strategie ins Spiel. Aus dem Kraftzentrum kommend, dem Bauch, ist er als erste Reaktion auf Gewalt äußerst wirksam. Dieses Zentrum des Körpers spürt die Situation, führt zu Einschätzungen und ballt alle Kraft in sich und der Schrei soll aus diesem Punkt nach außen dringen und zu einem wirklichen Schrei werden.

Vermeintliche Peinlichkeiten und Ähnliches, Angriffe, Übergriffe werden in Wut verwandelt und Wut macht stark! Ein Slogan, der die Mädchen erkennen und erlernen lässt, wie man auch Angst in Wut verwandeln kann. Sie sollen ihre Opferrolle erkennen und Hemmungen abbauen, bereit sein, Blickkontakte zu halten und offensiv zu werden. Sie erhalten ein Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, dass ihnen in ihrem Leben hilft und sie stark macht.

Was in Bayern und Nordrhein Westfalen schon anerkannt ist und unterstützt wird, beziehungsweise bereits in den Schulunterricht einfließt, musste sich hier erst vom Elternbeirat erkämpft werden. Frauke Meyer und Beate Kunst als federführende Frauen in Sachen Mädchenpower kümmerten sich besonders um das Angebot der Kurse für ihre Mädchen an der Schule. Unterstützt wurden sie in diesem Vorhaben auch von Seiten der Schule, die ihnen die Sporthalle für diesen Kurs kostenlos zur Verfügung stellte.

Und da der Andrang auch von den Jungen sehr stark war, die Kurse aber natürlich geschlechtsspezifisch angeboten werden, sorgte man sich auch um deren Interessen und organisierte schon für September/Oktober einen Kurs von Männern für Männer oder besser Jungs.

Bianka Neußer und Karin Weiß, die zwei ausgebildeten Trainerinnen und Kursleiterinnen dieses Wochenendes, gehen da sogar noch weiter und sagen, dass auch alle Lehrer spezielle Kurse besuchen sollten. So wäre es möglich, an den Inhalten des Vermittelten anzuknüpfen, zu vertiefen und die Kinder dauerhaft zu stärken, zumal ebenfalls die Gewalt an den Schulen ein Dauerthema ist.

Informationen zum Kurs:

http://www.jede-kann-sich-wehren-bodensee.de.

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Quelle: Südkurier

30. Juni 2004,
Artikel und Fotos
von Antje Kirsch

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